Gaststätten bieten seit jeher einen öffentlichen Raum für jede Gelegenheit – ob Versammlung, Treffen, gemütliches Beisammensein oder Feiern – ein Raum, der nahezu von jedem genutzt werden darf. Hier möchten wir uns aufgehoben fühlen und beanspruchen einen gewissen Schutz, ob das nun die eigene Persönlichkeit oder Essen und Trinken betrifft. Wir sind auf Reisen und möchten beherbergt werden. Wir gehen in das Restaurant am Ort und erwarten eine schöne Atmosphäre. Die Ansprüche von heute und früher unterscheiden sich gar nicht so sehr in unserer Erwartungshaltung, jedoch in den Grundbedingungen der Gaststätten.
Gaststätten entstanden, als der Mensch begann sesshaft zu werden. In diesem Moment wurde es nötig zu reisen, um Handel zu treiben und Waren und Wissen auszutauschen. Wo Gaststätten sind, stehen sie unter dem Schutz der Regierenden. Das war noch nie anders. Regierende benötigen stabile Gemeinden, die untereinander vernetzt sind. Daher schauen wir in den folgenden Kapiteln auf die Bildung der ersten Gemeinden, der Ordnung und Bedeutung der Verkehrswege, die Einführung der Zahlen, die Steuerdokumentation und die Erfindung der Kurznachrichten.
Am Ende der Seite stellen wir Ihnen noch Gaststätten vor, zu denen wir bisher keine Imformationstafeln erstellen konnten.
Die Bildung unserer Gemeinden
Die Gemeinden, wie wir sie heute kennen, wurden gebildet, als Kaiser Konstantin I. (ca. 280 – 337) erkannte, dass sein römisches Reich unregierbar geworden war. Es hatte seine maximale Ausdehnung erreicht. Gleichzeitig setzte die Völkerwanderung (je nach Quelle von ca. 260 – 496) dem römischen Reich zu. Die Völker aus den angrenzenden Gebieten strömten ins Reich auf der Suche nach neuem Lebensraum, teils weil durch die Zunahme der Bevölkerung deren Land nicht mehr genug Nahrung produzierte, teils unter dem Druck eindringender Völker von noch weiter her (z. B. den Hunnen).
Konstantin erkannte, dass die Christen Gemeinden bildeten und suchte nach einem Weg, dies in sein Reich zu integrieren. Er berief 325 ein Treffen in Nicäa etwas südlich von Konstantinopel ein, wo er mit den führenden Bischöfen festlegte, wie die christlichen Gemeinden auszusehen hatten und was in der Bibel stehen sollte. Er begrenzte wegen verschiedener christlicher Streitigkeiten die Anzahl der Evangelien auf 4 (Matthäus, Markus, Lukas, Johannes) und einigte sich mit den Bischöfen auf diesen Inhalt der Bibel, der fortan für die christlichen Gemeinden gelten sollte (bei Interesse an den anderen Evangelien: diese sind heute als Apokryphen im Anhang der protestantischen Bibeln abgedruckt). Im Gegenzug legte er umfangreiche Rechte für die christlichen Gemeinden fest (in kommenden Jahrhunderten wurden ihnen umfangreiche Rechte wie einen eigenen Gerichtsstand und die Vergabe von Markt- und Zollrechten gewährt).
Aber noch traute sich Konstantin nicht, das Christentum als führend anzuerkennen. Zu groß war noch der Einfluss der Priester anderer Religionen. Erst Kaiser Theodosius machte 380 das Christentum zur Staatsreligion. Fortan wurden im ganzen Reich nach und nach Dörfer und Städte mit einer weltlichen und einer christlichen Gemeinde gebildet, was teilweise bis weit ins 17. Jahrhundert bestand hatte.
Die Gaststätten waren ein Pfeiler der Herrschenden, da sie nicht nur Beköstigung und sichere Unterkunft boten, sondern auch zu Amtsgeschäften und Gerichtssitzungen genutzt wurden. Dies geht aus einer Steuerliste von 1439 hervor (s. a. M. Caroli, Feudenheim – illustrierte Geschichte eines Mannheimer Vorortes, 1992, ab S. 162). Und dies war möglich in der sicheren Umgebung der Gemeinden.
Doch was verband die Gemeinden miteinander? Das Interesse am Handel, und dafür waren sichere Verkehrswege nötig.
Die Ordnung der Verkehrswege
Das römische Reich konnte nur so lange bestehen, da es seine Verkehrswege stabil und sicher ausgebaut hatte und die Routen den Reisenden, die nicht Militärangehörige waren, durch Gaststätten Schutz boten. Aus römischer Zeit liegen keine Quellen über Gasthäuser in Feudenheim vor. Wie oben beschrieben, findet sich eine erste Erwähnung einer Gaststätte in einer Steuerliste um 1439.
Die Ordnung der Verkehrswege in Feudenheim wird das erste Mal in einer Urkunde aus dem Jahr 767 erwähnt. Diese Urkunde wird in der „Chronik über Straßenbau und Straßenverkehr in dem Großherzogthum Baden“ von F. J. Baer 1878 erwähnt und Feudenheimer Fahr (S. 414, Fußnote 7, s. a. rechts) genannt. Baer war ein vereidigter Staatsdiener Preußens, der die verkehrstechnische Entwicklung Badens detailliert dokumentiert hat. Zitat aus der Originalausgabe S. 414: „Für den Verkehr zwischen Mannheim und Weinheim benutzte man im Mittelalter drei Straßen, nämlich jene über Käferthal und Virnheim, die zweite über Wallstadt, Heddesheim und Großsachsen und die dritte über Ladenburg und zwar entweder auf dem linken Neckarufer mit dem Neckarübergang bei Jlvesheim, bei Feudenheim oder Neckarhausen.“ Des weiteren beschreibt er die Vergabe der Rechte zur Bildung der Verkehrswege im Jahr 777 durch Karl den Großen an den Abt des Klosters Lorsch.
Baer hebt auch die Bedeutung des Weges über die Fähre bei Feudenheim hervor: „… daher sich auch die Stadt Mannheim in der Zeit von 1768/78 nochmals darüber beschwerte, daß durch die vielen Güterfuhren, die bei Feudenheim über den Neckar gehen, der Ertrag der Schiffbrücke (Anm. d. Redaktion: es gab eine Schiffsbrücke über den Neckar, die man aber nur über die enge Stadt erreichen konnte und wo zudem verschiedene Zölle (Stadttor-, Brückenzoll) erhoben wurden. Die Fähre bei Feudenheim war damals verkehrstechnisch besser gelegen und finanziell günstiger.) sehr geschmälert werde.“
Rechts sehen Sie den Eintrag aus dem Gesamtwerk. Ein Original der Chronik liegt vor. Zum Vergrößern bitte 2 Mal anklicken.
Die Warenströme entlang des Rheins bildeten seit frühester Zeit einen Grundpfeiler der Herrschenden. Sie stellten die Versorgung des Reichs und die Steuereinnahmen sicher. Die Handelsrouten rechtsrheinisch liefen von Süden entweder über Heidelberg entlang der Bergstraße oder über Schwetzingen und Neckarau Richtung Feudenheim über den Neckar (laut F. J. Baer wurden auf der linken Neckarseite drei Übergänge genutzt: bei Feudenheim, Ilvesheim und Neckarhausen). In Feudenheim verteilten sich die Fuhrleute in drei Richtungen: über Käfertal nach Worms oder über Wallstadt, Straßenheim und Viernheim nach Lorsch oder über Heddesheim und Großsachsen nach Weinheim und weiter nach Norden.
In der folgenden Karte von 1780 von Ferdinand Denis sieht man in Feudenheim die noch weitestgehend unbebauten Paulus- und Kirchberg. Die Neckarstraße hieß damals noch Egelwasser Gasse, die Talstraße noch Käfertaler Straße und die Hauptstraße noch Mannheimer Straße. Dies waren die Straßen, über die sich die Warenströme international verteilten. Wo sich heute Neckarstraße und Hauptstraße treffen, befand sich der Abzweig über Heddesheim nach Großsachsen; an dem heute sehr ruhig gelegenen Platz an Talstraße, Ziethenstraße, Weiherstraße, Eichbaumstraße und Paulusbergstraße befand sich bis ins 19. Jahrhundert der Verteiler über Käfertal oder Wallstadt nach Norden. An diesem Platz gab es über den Paulusberg eine direkte Straße nach Wallstadt, die mit der Bebauung des Paulus- und Kirchbergs aufgegeben worden ist. In unmittelbarer Nähe gab es bis vor kurzem noch Gaststätten wie das „Eichbaum“, das „Windeck“ und die Gaststätte am Eck Ziethen-/Talstraße:
Nach der letzten Zerstörung 1795 begann der industrielle Aufstieg Mannheims. Die Häfen wurden ausgebaut, die Stadtmauer war geschleift worden und hinderte keine Warenströme mehr. Viele Städter entdeckten im Lauf des 19. Jahrhunderts Feudenheim als Wohngebiet und zogen dorthin. Der alte Handelsweg, zum ersten Mal 767 dokumentiert, verlor an Bedeutung. Kommt man heute an dem Platz an der Ecke Tal-, Ziethen-, Eichbaum-, Weiher-, Paulusbergstraße vorbei, erinnert nichts mehr an seine Bedeutung als Warenweiche von Süden nach Norden. Bei einem Spaziergang über den Paulusberg findet sich die alte Straße nach Wallstadt nicht mehr; das Gebiet ist heute komplett überbaut. Rund 100 Jahre nach der Karte von F. Denis waren Paulus- und Kirchberg komplett überbaut, wie die Karte des Büros für Katastervermessung 1887 zeigt und die im Landesarchiv Baden-Württemberg digital zur Verfügung steht:
Die Gaststätten waren vom Mittelalter bis an den Anfang des 19. Jahrhunderts ein strategisch wichtiger Bestandteil in der Verteilung der internationalen Warenströme: sie boten Platz und Schutz für die Nacht in Zeiten, in denen noch kein Weg beleuchtet war; sie sorgten dafür, dass Feudenheim eine Bedeutung im internationalen Handel hatte.
Wie bereits erwähnt, wurden die Gaststätten in Feudenheim erst mit dem Beginn der Steuerlisten ab 1439 dokumentiert und das auch nur sehr lückenhaft. Doch weshalb gab es erst so spät Steuerlisten, wenn Steuern so wichtig für die Regierenden waren? Lesen Sie bitte weiter:
Die internationale Einführung unseres heutigen Zahlensystems
Im 8. Jahrhundert wurden unsere heutigen Zahlen von Händlern aus Indien nach Arabien eingeführt und vom Gelehrten al-Chwarizmi beschrieben und über Maghreb und Andalusien nach Europa gebracht. Europäische Gelehrte wie Gerbert von Aurillac erkannten die Bedeutung und versuchten die Zahlen in Europa zu etablieren, weil sie viel einfacher zum Rechnen zu handhaben waren als das römische Zahlensystem. Beim Klerus stieß dieses Zahlensystem auf Ablehnung: der Klerus erklärte ein einfaches Zahlensystem zu Teufel und Zauberei. Als Gerbert zum Papst Sylvester II. aufsteigt und dieses Zahlensystem einführen möchte, wird er beschuldigt, mit dem Teufel im Bund zu stehen. Um einem Prozess wegen Zauberei zu entgehen, lässt Sylvester II. von diesem Vorhaben ab.
Erst Leonardo Fibonacci hat bei algerischen Fischern in Bejaia die Genialität des Systems erkannt, übernommen und im Jahre 1202 eingeführt, zusätzlich dazu die Null, um große Zahlen darzustellen. Dazu fand ein neues Medium seinen Weg nach Europa: Papier wurde aus alten Lumpen hergestellt und diente fortan als Medium für Aufzeichnungen. Fibonacci schrieb sein erstes Werk über die Zahlen und beschrieb ihre Anwendung beim Rechnen. Dies verbreitete sich sehr schnell unter Europas Kaufleuten.
Steuerlisten waren aber noch sehr schwer zu erstellen, weil die entsprechenden Operatoren fehlten; jede Rechnung wurde als Satz in Worten und Zahlen ausformuliert. Erst der Druck mit Bleilettern auf Papier, erfunden 1450 durch Johannes Guttenberg, und die Erfindung des Plus- und Minuszeichens und der Multiplikationstabelle, erfunden durch Johannes Wittmann, machten aus Steuerlisten Steuerbücher. Wittmann beschrieb sein System 1489 in seinem Buch „Arithmetik für Kaufleute“, das sich als deutsche Coß zwischen 1460 und 1550 weltweit verbreitete: Ziel war es, keine Wörter mehr für mathematische Begriffe zu schreiben, sondern mit den neuen Zeichen in Gleichungen zu erfassen.
Das größte Problem hieran war der Analphabetismus, der den größten Teil der Bevölkerung betraf. Steuern konnten also flächendeckend immer noch nicht richtig erfasst werden. In einem ersten Versuch wurde 1650 eine Schulpflicht vorgeschlagen, die aber erst 1717 wirklich umgesetzt worden ist. Die Schulpflicht wurde also nicht eingeführt, um Bildung unter die Bevölkerung zu bringen, sondern um jeden in die Lage zu versetzen, seine Einnahmen zu dokumentieren und seine Steuern korrekt zu begleichen.
Zwischen 1650 und 1700 findet sich Quellenmaterial, in denen 1650 der Der Grüne Baum (Steuerbuch), 1658 Der Adler (Kirchenbuch) und Der Falke (Schildgerechtigkeit des Besitzers) genannt werden. Zwischen 1722 und 1738 werden in der Steuerveranlagung die Gasthäuser Zur Sonne, Zu den drei Königen, Zum Ochsen, der Pflug, der Goldene Hirsch und der Goldene Adler, bis 1868 noch der Goldene Stern und die Goldene Krone gelistet. (s. a. M. Caroli, Feudenheim – illustrierte Geschichte eines Mannheimer Vorortes, 1992, ab S. 162).
Aber auch in der Folgezeit fand die Dokumentation von Gaststätten in Feudenheim nur selten statt. Gaststätten waren auch nur Betriebe und zahlten ihre Steuern. Und wer liest schon gerne Steuerbücher? Erst seit der Erfindung der Kurznachrichten wissen wir mehr über die Gaststätten in Feudenheim.
Die Erfindung der Kurznachrichten
Wenn wir heute ein schönes Erlebnis mitteilen wollen, dann öffnen wir einen Messengerdienst auf unserem Smartphone und posten ein schönes Bild an Freunde und Bekannte. Kurznachrichten im 19. Jahrhundert waren aber entweder Telegramme oder Postkarten. Telegramme waren für den Normalverbraucher oft nicht erschwinglich und ein Bild konnte auch nicht gesendet werden.
Die Postkarten bildeten nach der Etablierung der Briefmarken und der Post ein einfaches Mittel, um seinen Liebsten in der Ferne Nachrichten zukommen zu lassen und dabei ein Bild mitzusenden. Und wie heute auch, nahm man natürlich Bilder von Orten, an denen man es sich gutgehen lassen konnte. Dazu gehörten natürlich vor allem die Gaststätten. Man konnte auch Menschen in größerer Entfernung zeigen, wo man gewesen war. Die Reisedauer der Nachricht war dabei eine etwas andere: eine Postkarte von Feudenheim nach Rio de Janeiro wurde um 1910 zunächst mit dem Postzug nach Bremen gebracht und dort über den Außenhafen mittels Schiff nach Brasilien weitertransportiert.
Das heißt also: Kurznachricht oder auch Posting heute: nahezu in Echtzeit. Kurznachricht um 1910: etwa 2-3 Wochen. Aber die „alten“ Kurznachrichten haben noch etwas Gutes: sie haben – wo Sammler waren – die Zeit überdauert und liegen uns heute als Digitalisat vor.
Wir danken hiermit allen Sammlern und vor allem dem Marchivum Mannheim, dass noch so viele Schätze überdauert haben. Hierzu gehören auch die Gaststätten, denen dieser Bericht gewidmet ist und die Sie als Besucher, Interessierte, Leser, Mitglieder und Freunde bewundern dürfen. Gaststätten, die einmal Menschen, Feiernde, Freunde, Trauernde, Liebende, Reisende, Fahrende beköstigt haben!